Ein Beispiel aus der Elternberatung

Im Land wo Milch und Honig fließen

Eine wahre Begebenheit aus der Elternberatung von Lisa Steber-Haaf

Frau M. hatte bis nachts um eins gearbeitet. Die Kinder Peter (3 Jahre) und Luis (6 Jahre) sollten, nachdem Papa zur Arbeit gegangen war, leise im Kinderzimmer spielen, um Mama nicht zu wecken.

Viele Eltern wissen, dass dieser Wunsch selten in Erfüllung geht. Umso erfreulicher, wenn es doch mal klappt: Frau M. durfte „ausschlafen".

Dankbar ob solchen Glücks schlurfte sie irgendwann, noch vom Schlaf umfangen, in die Küche, um sich erstmal einen Kaffee zu holen.

Es war keine Milch mehr im Kühlschrank.

Es war auch keine Milch mehr im Vorratsschrank.

Hm. Nicht den Tag verderben lassen davon.

Jetzt erst mal meine tollen Kinder begrüßen.

Aus dem Kinderzimmer klang fröhliches Kinderlachen. Ein perfekter Tagesanfang. Frau M. öffnete leise die Tür.

Was sich dem müden Auge hier darbot, war an Kreativität kaum zu überbieten: eine üppig gestaltete Flusslandschaft aus 14 Litern Milch, mit Wasserfällen, Matschlandschaften auf den Teppichen und großen Pfützen als Wasserrutschen auf dem Fliesenboden. Darin nackig badende Kinder (aus dermatologischer Sicht uneingeschränkt empfehlenswert). Sogar die Kleider waren ausgezogen, damit sie trocken zu blieben.

Fast an alles gedacht. Wahre Wonneproppen!

Alles in allem sicherlich ein Anblick, der jedes Elternherz höher schlagen lässt.


Alle Eltern kennen Zustände von Fassungslosigkeit, Hilflosigkeit, Aggression ..., mehr oder weniger leicht auszulösen durch Dinge, die unsere Liebsten tun oder eben nicht tun.

Was hilft?

Grundsätzlich: Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Ich interessiere mich für die Zustände, in die ich gerate, und bin selbst dafür verantwortlich, wie ich damit umgehe, auch wenn meine Zustände z. B. durch die Kinder ausgelöst wurden. Ich sorge für mich, z.B. durch körperliche Betätigung wie Sport, milchgetränkte Teppiche unter die Dusche schleppen, 14 Liter Milch mittels Lappen in Eimer drücken ....Mittagsschlaf.

Auch die Kinder mussten helfen. Ich stehe für das ein, was ich gemacht habe und bringe es, so gut ich kann, in Ordnung.

Einen Teil der Arbeit übernahm der Kleiderschrank, der flach auf dem Boden stand: Er saugte die Milch auf.

Frau M. und ich widmeten einen Großteil der Elternsprechstunde dem Thema der naiven Unschuld von Kindern.

Wohl dem Kind, dessen Eltern sich an ihre eigene naive Unschuld erinnern. (Auch wir waren reichlich gesegnet damit). Solche Erinnerungen öffnen den Raum für Humor und menschliche Großzügigkeit.

Peter und Luis hatten die Milch für die nächsten zwei Wochen verbraucht. Die natürliche Konsequenz war also, dass es so lange keine Milch mehr gab. Hinzu verhängten die Eltern für diese Zeit Fernsehverbot (ich vermute, um die Kreativität weiter zu erhalten).

In Deutschland gibt es die Möglichkeit der Strafmilderung beim Strafmaß, bzw. vorzeitiger „Entlassung" in bestimmten Fällen. Es empfiehlt sich, diese gängige juristische Praxis auch bei den eigenen Kindern anzuwenden.

Denn schließlich ist es ja die elterliche Liebe, die den Honig trotz der Milch verschenkt.

Nächste Woche wird der neue Kleiderschrank geliefert – ins Land wo Milch und Honig fließen.